Vorzeichnen – darf man das denn?

Klare Antwort: JA! Obwohl ich vor vielen Jahren selber den (unsinnigen) Ehrgeiz hatte, ohne Vorzeichnung sofort drauf los zu malen. Warum ich das damals tat – oder wer mir das eingeredet hatte – ich weiß es nicht mehr.

Mittlerweile zeichne ich vor und stehe auch voll dazu. Und ich weiß auch, dass alle wirklich bedeutenden Aquarellisten weltweit vorzeichnen. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen. Auch die derzeit bekanntesten (und besten) Watercolor-Artisten wie Joseph Zbukvic, Alvaro Castagnet, Hrman Pekel bis hin zu Chien Chung Wie zeichnen vor. Ausnahmslos!
Selbst ganz große Künstler wie Dürer, Turner oder August Macke haben bei ihren Aquarellen vorgezeichnet.

Aber: Man muss man sich darüber im Klaren sein, das die Vorzeichnung an manchen Stellen durchscheinen wird. Wenn sie nicht zu stark ist, ist das vollkommen egal, für mich ist die Vorzeichnung auch Bestandteil des Bildes. Wenn man dies nicht möchte, sollten vor dem Aquarellieren die Bleistiftlinien mittels Knetgummi abgeschwächt werden. Später gelingt das nicht immer, da selbst ein dünner Farbauftrag den Grafit binden kann.
Ob also die Zeichnung später durch Ihr fertiges Aquarell teilweise hindurch scheint oder nicht, bleibt alleine Ihre Entscheidung.

Dies sind Beispiele, entstanden bei einer Malreise während meiner Demonstration (Step-by-Step - Methode)

Wenn ich für die Skizze manchmal einen weicheren Grafitstift verwende, so sollte der Stift für die Vorzeichnung auf dem Aquarellpapier nicht zu weich sein, da das saubere Papier sonst zu schnell verschmutzt und dadurch das Aquarell später stumpf wirkt. Ich empfehle dafür Minen mit maximal 2B Härtegrad. Ein ganz normaler Schulbleistift tut's aber auch.

Manchmal wird von meinen Kursteilnehmern ein wasserlöslicher Aquarellstift (oft Ocker oder Sepia) zum Vorzeichnen verwendet. Geht auch – lässt sich jedoch sehr schwer radieren, dabei wird oft das wertvolle Aquarellpapier verletzt. Das trifft auch für die wasserlöslichen Grafitstifte zu.

Aber auch mit stark verdünnter Aquarellfarbe kann „vorgezeichnet“ werden. Das erfordert natürlich schon recht viel Sicherheit.

Zuweilen werde ich gefragt, ob man nicht ein Foto mittels „Rastermethode“ auf das Aquarellpapier übertragen könne. Davon rate ich entschieden ab. Solcherart entstandene Aquarelle wirken steif und tot. Wenn aber ein Motiv von einer gut gelungenen, eigenen (!) Skizze übertragen wird, kann das sehr gut funktionieren.

Manche Maler verwenden ab und an farbige, wasserlösliche Tinte oder gar Fineliner zum Vorzeichnen, das hat aber nur mehr wenig mit Aquarell zu tun, das sind dann kolorierte Zeichnungen. Auch egal, wem’s gefällt…